Er konnte nie genug kriegen

Während unserer Beziehung und Ehe ist es ganz oft passiert, dass schöne Dinge für meinen Ex nach dem ersten Ausprobieren schnell unverzichtbar wurden. Wie irgendeine Droge, die sofort süchtig macht. Und irgendwie hatte ich immer meinen Teil dazu beizusteuern, dass er seine Droge bekam.

Irgendwie fühlte sich das Ganze für mich unausweichlich an: als wäre ich in den Sumpf gefallen oder beim Schwimmen aus Versehen in einen Strudel geraten, aus dem ich selbst nicht mehr alleine herauskam. Und ich habe das gemerkt und konnte nichts dagegen tun. Es war unheimlich. Das war wie einer dieser bösen Träume, in denen man Hilfe braucht und sich die Seele aus der Brust schreit – aber obwohl eine riesige Menschenmenge um dich steht, fühlt es sich so an, als würde dich keiner hören oder sehen.

Es ist ja normal, dass man schöne Dinge wiederholen will, aber doch nicht mit solchem Nachdruck..? Anfangs saßen wir oft lange zusammen auf dem Sofa, haben gequatscht und einander dabei gestreichelt. Speziell wenn man wie ich vorher in einer Beziehung war, die nicht unbedingt von viel Zuneigung geprägt war und dann längere Zeit Single war, weiß man diese Zärtlichkeiten besonders zu schätzen. Bis zu dem Zeitpunkt, wo ich einmal mit dem Streicheln eine Pause gemacht hatte, weil ich mich auf die Handlung in einen Film konzentriert hatte. “Stimmt etwas nicht?” fragte er sofort. – Huch?! Ich war echt erschrocken über die Frage. Der Film hatte mich gefesselt, und ich hatte versteinert weitergeguckt, weil er spannend war. Vielleicht sieht das komisch aus, wenn man so da sitzt, aber da ist eigentlich nichts Schlimmes dran, finde ich… Und vor allem nichts, was er hätte persönlich nehmen müssen. Sogar jetzt noch habe ich tatsächlich fast den Drang, mich hier für die Pause zu rechtfertigen, weil es sich anfühlt, als wäre das gerade eben passiert. – “Du hörst auf, mich zu streicheln. Ist alles okay zwischen uns, oder gibt es etwas, das du mir sagen möchtest?” – Wie bitte? Mich hat sein Bohren total irritiert. Ich mache mal kurz Pause, und das nimmt er so wichtig? Ich hab mich auf jeden Fall sehr unwohl gefühlt und ihn besänftigt, indem ich ihm gesagt habe, wie sehr ich ihn liebe, dass er sich keine Sorgen machen muss usw. Und dann habe ich ihn natürlich weiter gestreichelt, und zwar bis er das irgendwann unterbrochen hat, um kurz zur Toilette zu gehen. Beim nächsten “Sofaabend” musste ich wieder an die Situation denken, und ich war tatsächlich davon überzeugt, dass der Grund für sein seltsames Verhalten nur Unsicherheit oder Minderwertigkeitsgefühle sind. Das ist absolut nicht sexy, aber ich hatte Mitleid, und darum habe ich ihn ihm zuliebe die ganze Zeit pausenlos gestreichelt, damit wir nicht wieder so ein Erlebnis haben. Ich wollte, dass er sich gut fühlt. Beim nächsten Mal habe ich das wieder gemacht, und dann wieder, und dann… dann wurde es irgendwann anstrengend. Und dann hab ich einfach eine Pause gemacht. Und er hat daraufhin meine Liebe infrage gestellt… Ja, ich hab ihn doch geliebt, aber das pausenlose Streicheln ist doch kein Beweis dafür oder dagegen. Oder doch?! Nein. – Es gab einen kleinen Streit. Ich hab mich rechtfertigt, rumgestottert, weil ich echt nicht wusste, was ich sagen sollte, um die Situation wieder gerade zu biegen… Irgendwie hat Letzteres auch dann geklappt, aber so langsam fing ich an, mich zu fragen, ob er verrückt ist oder ob ich verrückt werde… Etwas später hat sich eine ähnliche Situation ergeben, und dann irgendwann noch eine, und jedes Mal wurde er saurer, sein Zorn stärker, seine Stimme lauter, sein Blick eiserner, und irgendwann schrie er dabei, bekam Tobsuchtsanfälle, ging mit schnellen Schritten durch die Wohnung und wütend auf mich zu, als würde er mich gleich schlagen, um dann 10 cm vor mir zu stoppen und dann irgendwelche Monologe zu halten, dass man sich so und so zu verhalten hat, wenn man jemanden liebt, und wenn man sich anders verhält, wäre das ein Zeichen dafür, dass man den anderen nicht liebt usw. Ich bekam Panik, Heulkrämpfe und wollte das immer irgendwie wieder gerade biegen. Ich bin zu dem Zeitpunkt gar nicht auf die Idee gekommen, dass wir das mit Reden, Zuhören und Verständnis nicht wieder hinkriegen können. Irgendwann würde er mich sicher verstehen… Ich habe mich entschuldigt, versucht ihn zu besänftigen, es wieder gut zu machen und ihm meine Liebe zu beweisen… Und er hat das Ganze schlimmer gemacht, indem ihm kein Wiedergutmachungsangebot gut genug war, indem er mir immer wieder zu verstehen gab, wie lächerlich meine Wiedergutmachungsversuche seien und wie wenig sie den Schaden, den ich angerichtet hätte, wieder kompensieren können.

Mit der Zeit wurden es immer mehr Dinge, nach denen er süchtig wurde: das Streicheln im Bett nach dem Aufwachen, das gemeinsame Duschen, seine tägliche Rückenmassage unter der Dusche, das gemeinsame Frühstück, zweimal täglich Sex, der Kuss bei jeder erdenklichen Gelegenheit, der Kuss im Auto an jeder roten Ampel, der gemeinsame Nachtisch jeden Abend, das Reden und Schreiben in der Wir-Form (egal mit wem), das Händchenhalten während der Autofahrt, das tägliche Arm-in-Arm-Einschlafen (wovon ich irgendwann tierische Rückenschmerzen bekommen habe und zum Orthopäden musste, weil ich immer in einer ungünstigen Position liegen oder auf der Seite schlafen musste, was ich eh noch nie konnte)… Es war ganz gruselig, denn wenn ich diese Dinge nicht “richtig” machte, d.h. wenn er den Eindruck bekam, dass ich sie “lieblos” oder anders als sonst und mit weniger Engagement oder kürzer als sonst machte, gab es irgendwann schlimme Auseinandersetzungen, um nicht zu sagen totale Aussetzer von ihm, die mir echt Angst machten.

Wäre er einfach sauer gewesen, wäre das weniger schlimm gewesen, als das, was er getan hat: er war nämlich oft überzeugt, dass ich ihn anlüge, dass ich ihn gar nicht liebe, und dass er auch den Grund dafür weiß: ich würde ihm nämlich bestimmt irgendwann fremdgehen wollen, ich würde ihn irgendwann verlassen wollen…. So absurd das klingt: nein, das wollte ich zu dem Zeitpunkt eigentlich nicht. Nur je mehr sich diese Situationen häuften, desto mehr kam bei mir die Einsicht, dass das vielleicht gar keine so schlechte Idee ist.

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