Wenn du mich liebst, dann machst du, was ich will, und hast gefälligst Spaß dabei!

Wie oft habe ich den Satz gehört: “Wenn man jemanden liebt, dann macht man das gerne.” – Das ist absoluter Unsinn.

Kennt ihr das? Am Anfang einer Beziehung – nennen wir es Phase 1 – ist alles voller Feuerwerk und Leidenschaft, und man will kaum eine Sekunde ohne einander verbringen? Dann, nach einer Weile, meldet sich der Alltag wieder, und die Beziehung bekommt nicht mehr 100% unserer Zeit und Aufmerksamkeit. – Sowas ist ganz normal, denn trotz toller Beziehung hat man ja meistens noch ein Leben außerhalb der Beziehung mit Job, sozialen Kontakten, Hobbies und anderweitigen Zielen, Plänen und Verpflichtungen. Und wenn man das alles bewältigen will, ist das einfache Mathematik, dass die Beziehung nicht dauerhaft 100% bekommen kann. Dieser Moment ist der Punkt, an dem aus Verliebtheit Liebe wird und Phase 2 startet.

Manche Beziehungen meistern das spielerisch, manche Beziehungen enden an dem Punkt, und in manchen Beziehungen startet da das heillose Chaos. Bei uns war Letzteres der Fall.

Zwei Dinge waren bei uns komplett anders als bei anderen Paaren: mein Ex forderte das Feuerwerk aus Phase 1 konsequent und dauerhaft ein und verlangte vollkommene Hingabe und Aufmerksamkeit. Und ab dem Moment, wo ich ihm freiwillig und aus eigenen Stücken eine kleine Freude mit etwas machte, wurde das ab dem Moment als Selbstverständlichkeit angesehen und eingefordert. Wenn er aber das Gefühl hatte, dass von mir zu wenig Initiative kam, gab es Streit.

Ich war also in einem Teufelskreis gefangen: ich hatte ihn einmal beim Duschen massiert, also war es für ihn klar, dass ich das ab sofort immer tue. Und wehe, er hatte das Gefühl, es war heute mal kürzer als gestern: dann gab es Streit oder zumindest schlechte Stimmung, er unterstellte mir manchmal, ich würde ihn weniger lieben usw. Und er meinte manchmal zu bemerken, dass ich ihn an diesem Tag “lieblos” massierte: er drehte sich dann wütend weg, denn wenn ich das so machen würde, dann bräuchte ich es gar nicht zu tun… Und es gab Streit. Aber so richtig. Und ich war vollkommen perplex: statt ihn zu verlassen, versuchte ich ihm zu beweisen, dass das ja gar nicht stimmte, dass ich ihm eine Freude machen wollte, wie sehr ich ihn liebte usw. und ritt mich immer tiefer rein. Ich verstand einfach nicht, wie meine und seine Wahrnehmung so weit auseinander liegen konnten.

Noch viel schlimmer war es im Bett. Hier verlangte er vollen Einsatz und das ganz große Kino – und zwar oft mehrfach am Tag. Am Anfang einer Beziehung steht üblicherweise auch das Thema mehr im Vordergrund als nach ein paar Wochen. Aber auch wenn ich, was die Intimitäten betrifft, in meiner vorherigen Beziehung viel zu kurz gekommen war und gefühlt etwas “Nachholbedarf” hatte, war mir das irgendwann einfach zu viel: mein Körper hat das auch nicht mitgemacht, ich hatte andere Vorstellungen von Freizeit- und/oder Abendgestaltung, und ich bin ja keine Maschine, die zweimal am Tag genau zu dem Zeitpunkt Lust hat, wo er erwartet, dass ich auf ihn zukomme. Ja, richtig: als Zeichen meiner Lust und Liebe hatte die Initiative stets von mir auszugehen. Mir wird jetzt noch übel, wenn ich das aus der Außenperspektive betrachte! Sämtliche Familienbesuche, Treffen mit Freunden u.ä. lösten bei ihm Wiederwillen aus, denn es könnte ja sein, dass die Intimitäten dann zu kurz kämen. Um also den Haussegen nicht in Gefahr zu bringen und eine Basis dafür zu schaffen, habe ich vorher im Bett mein Bestes gegeben – zumindest so gut es ging, denn mich hat das Ganze so unheimlich angewidert, wie er mit mir umgegangen ist. Davon abgesehen, hatte er nicht immer vorher geduscht, denn “wenn man jemanden liebt, dann ist man vor dieser Person ja nicht fies”. Es war echt nicht schön, und ich habe einfach durchgehalten, denn er konnte toxische Wutanfälle mit ungewissem, aber beängstigendem Ausgang bekommen, hat Treffen kurzfristig abgeblasen, die mir wichtig gewesen wären, war mir oft tagelang böse und verlangte dauernd Kompensationen für irgendwelche Dinge, die ich angeblich falsch gemacht haben sollte. Also habe ich versucht, den Dingen den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem ich wieder und wieder die Initiative ergriffen habe, um ihm ein angenehmes Erlebnis im Bett zu bereiten; natürlich habe ich die Sache nicht einfach nur abgearbeitet, sondern ich habe ihm wieder und wieder beteuert, wie viel Spaß ich doch dabei hätte, weil ich Angst hatte, was mir passieren könnte, wenn er einen anderen Eindruck bekommt.

Ich hätte nein sagen sollen? Ja, aber ich wollte mich schützen. Ich hätte es so gern getan, aber ich konnte einfach nicht NEIN sagen, denn so, wie er mich behandelt hat, war meine Angst einfach viel zu groß, was passieren würde, wenn ich etwas ablehne. Ich wollte mich nicht in Gefahr bringen. Denn ganz ehrlich: einmal ist immer das erste Mal. Bloß weil jemand mir körperlich noch nie etwas angetan hat, heißt das nicht, dass er es nie tun wird. Ganz besonders dann nicht, wenn er so egoistisch ist und mich eh schon so behandelt. (Falls es euch ähnlich geht, findet ihr hier einen weiteren Artikel dazu, der mir in Teilen wirklich aus der Seele gesprochen hat.)

Auch wenn mir nicht immer nach dem vollen Programm zumute war, oder ich mittendrin fast eingeschlafen wäre, weil ich zwölf Stunden gearbeitet und teilweise nur vier Stunden nachts geschlafen habe: mir wurde das sofort als Desinteresse und Lieblosigkeit unterstellt, denn “Wenn man jemanden liebt und Lust auf ihn hat, dann siegt das über die Müdigkeit.” und “Wenn man jemanden liebt, dann macht man ihm gerne eine Freunde.” – Na klar.

Ich habe ganz lange einfach Panik gehabt und durchgehalten. Die Müdigkeit habe ich mit Koffeintabletten bekämpft (Nicht nachmachen: ist a) ungesund und hat b) leider auch nicht wirklich geholfen!) und beim Rest habe ich mir immer gesagt, dass ich mir damit mindestens einen halben Tag “Freiheit” erkämpfe.

Es ist vollkommen erschreckend, wenn ich das alles rückblickend betrachte: ich kann mir vom Bauchgefühl her im Moment absolut nicht vorstellen, jemals wieder mit einem Mann eine Beziehung einzugehen. Nicht weil alle Männer so sind! Um Gottes willen: viele meiner Freundinnen haben wirklich tolle Männer, auf die sich sich verlassen können, die sie lieben, respektieren und unterstützen, und mit denen sie eine harmonische, glückliche Beziehung führen. Es sind viel mehr die schlimmen Erinnerungen, die ich aus dieser Beziehung hier mitgenommen habe, die mich in solchen Momenten verfolgen: Streit, Egoismus, Drohungen, Erpressung, Grenzüberschreitungen, Ausgenutztwerden, Lügen… Denke ich an eine neue Beziehung, sehe ich automatisch all das negative und die Gefahren meiner alten Beziehung vor mir, und mir wird ganz schlecht, und ich habe das Gefühl, alles nochmal zu durchleben.

Vom Verstand her weiß ich, dass mein Leben irgendwann wieder normal werden wird. Auch wenn das Thema sicherlich die letzte Baustelle ist, die geschlossen wird. Ich möchte eine Familie und Kinder und ein erfülltes Leben und einen tollen Partner an meiner Seite. – Aber bitte auf keinen Fall jetzt!!! Erst mal Baustellen beheben und den ganzen Mist verarbeiten. Dann kann ich weiter sehen…

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