Er hatte etwas von Joe Goldberg aus „You“

Er hat insistiert und er war hartnäckig, sehr hartnäckig. Hat mich mit Liebesbekundungen überschüttet und mir andauernd erzählt, wie unglaublich hübsch und attraktiv ich doch sei. Und wenn man voher bisher wohl eher nicht auf Händen getragen worden ist, kann man das zwar anfangs kaum glauben. Aber mir ist es leicht gefallen, zu glauben, dass ich einfach dieses mal nicht Pech, sondern Glück gehabt hatte.

Okay, was er zur Seelenverwandschaft sagte, das fand ich etwas übertrieben, und auch sein „Ich liebe dich“ nach viel zu kurzer Zeit hat mich regelrecht überfallen, aber es war okay so.

Mittlerweile weiß ich: wenn etwas zu schön zum Wahrsein ist, dann ist es auch meistens nicht wahr.

Die Erkenntnis kam bei mir spät. Denn nach bisherigen Beziehungen, die vielleicht einfach zu einseitig abliefen, wo man sich entfremdet hat und die einfach „normal“ auseinandergingen, war ich auf dem besten Weg in eine ganz unnormale Katastrophe.

Zurück zum Anfang: wir haben uns online kennengelernt. Ein bisschen gechattet, und dann war ein paar Tage Funkstille. In diesen paar Tagen lag mein Geburtstag, und er gratulierte mir. Ich hab mir mit der Antwort Zeit gelassen, denn ich steckte bis über beide Ohren in Arbeit und hatte ein Profil online, weil ich nicht den Rest meines Lebens allein verbringen wollte, aber manchmal ist einfach der falsche Zeitpunkt für eine neue Beziehung, und das war eigentlich ein falscher Zeitpunkt. Aber eigentlich war er aufmerksam, interessiert, charmant… also schrieb ich ihm zurück.

Da passierte etwas Seltsames: statt dass er sich in erster Linie freute, dass ich mich meldete, gab er mir eher das Gefühl, dass es nicht okay war, dass ich mich zu spät meldete. Irgendwie seltsam, aber es gibt viele Männer online, denen es gar nicht schnell genug gehen kann, bei denen eine Rückmeldung nach länger als einem Tag eine Absage ist, und die sich teils ein Treffen so sehr wünschen, dass sie sich selbst ein bisschen unter Druck setzen. Also fand ich das komisch, aber es konnte ja tausend Gründe dafür geben, und mir fielen eher positive als negative Gründe ein.

Ein paar Tage später trafen wir uns, und wir kamen zusammen. Bis er mir dann eine Woche später eröffnete, er hätte eine Freundin, mit der er zusammenwohnen würde, aber die Beziehung sei schon lange nur noch so dahingeplätschert. – Aha. Mein erster Gedanke war: so ein Arsch! Mich hat das verstört. Und ich war auf so etwas nicht vorbereitet. Ich glaube, Letzteres war das größte Problem. Ich hatte keine klaren Grenzen für so einen Fall, und ich wusste auch nicht, was ich tun würde, wenn diese jemand überschreitet. Kurz: ich habe ihm gesagt, dass ich sowas nicht will, und dass er bitte erst seine Beziehung regeln soll. Das Problem war, dass ich ja schon mehr oder minder voll in einer Beziehung mit ihm steckte. Die Sympathie war da, es baute sich ein erstes Vertrauen auf. Und dann sowas!

Aber er beteuerte mir ja, dass er mich über alles liebte… Und als ich auf dem Geburtstag einer Freundin war, hat er sich von seiner damaligen Freundin getrennt. Er erreichte mich erst mal nicht, weil ich da ja nicht dauernd Augen für mein Handy hatte. Noch bevor ich richtig die Chance hatte, mich über seine Trennung und die Entscheidung für mich zu freuen oder darüber nachzudenken, ob ich ihn überhaupt noch wollte (denn ich dachte, er trennt sich eh nicht), kam von ihm statt Freude über meinen Rückruf erst mal durch die Blume Kritik mirgegenüber. Ich wüsste ja gar nicht, wie mies er sich fühlt, und ich wäre nicht erreichbar gewesen, und er wüsste ja gar nicht, wo er jetzt hinsollte… Also hat er bei mir übernachtet, denn er gab mir das Gefühl, dass ich meinen Freund ja nicht im Regen stehen lassen könnte. – Im Nachhinein eine ziemlich dreiste Masche.

Kurz darauf zog er bei mir ein. Mir ging das alles viel zu schnell. Aber irgendwie schaffte er es, mir das Gefühl zu geben, ich vernachlässige ihn, wenn ich ihn nicht einziehen lasse. – Aus der Außenperspektive völliger Unnsinn, denn er war ja selbst schuld an seiner Lage, und ich hatte eigentlich weder Zeit noch Platz für ihn, und wie gut kennt man schon jemanden nach sechs Wochen? Ich fühlte mich also gar nicht wohl, aber er zog bei mir ein. Für mich war das komplett unromantisch. Und von ihm war es der erste Schritt, nach und nach mein komplettes Leben zu infiltrieren.

Genauso manipulativ verhält sich Joe in der Serie You.

In dieser Phase wusste ich nicht genau, ob ich das alles schön oder gruselig finden sollte, was da mit mir passierte. Er hat nacheinander meine Grenzen eingerannt. Und was habe ich gemacht? Statt ihm meinen Standpunkt klarzumachen und Schluss zu machen, habe ich meine Grenzen immer ein kleines Stückchen weiter angepasst. Es fühlte sich komisch an. Gleichzeitig war er aber romantisch, zuvorkommend, interessiert und charmant, so dass ich nicht auf mein Bauchgefühl gehört habe.

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